Personen um Nietzsche

Familie

Bernhard Förster

Elisabeth Alexandra Förster Nietzsche

Johanna Elisab. Wilhelmine Hahn

Erdmuthe Dorothea Krause

Carl Ludwig Nietzsche

Friedrich August Ludwig Nietzsche

David Ernst Oehler

Franziska Ernestine Rosaura Oehler

Freunde

Paul Deussen

Gustav Krug

Heinrich Köselitz gen. Peter Gast

Hermann Mushacke

Franz Overbeck

Wilhelm Pinder

Paul Rée

Erwin Rohde

Heinrich Romundt

Carl von Gersdorff

Lehrer

Jacob Burckhardt

Ernst  Ortlepp

Friedrich Ritschl

Arthur Schopenhauer

Richard Wagner

Frauen

Marie Baumgartner geb. Köchlin

Ida Overbeck (geb. Rothpletz)

Lou Salomé

Mathilde Trampedach

Malwida von Meysenbug

Meta von Salis-Marchlins

Resa von Schirnhofer

Cosima Wagner

Bekannte

Johann Jakob Bachofen

Georg Brandes - eigentlich Morris Cohen

Gottfried Keller

August von Miaskowski

August Strindberg

Hippolyte Taine


Ernst Ortlepp

geb. 1.8.1800
gest.. 13./14. 6. 1864 Naumburg

Ernst Ortlepp, verkrachtes Genie, Dichter, Übersetzer ehemaliger Pfortenser - bewundert von den Schülern in Pforta. Vermutlich starker persönlicher und geistiger Einfluß auf Nietzsche.


Es gibt einen Lehrer Nietzsches, von dem so gut wie nirgendwo die Rede ist. Es gibt einen Forscher namens Prof. Hermann Josef Schmidt, der diesen Lehrer für nahezu entscheidend für die geistige und seelische Entwicklung Nietzsches hält. Auch der Nietzsche-Biograph Rüdiger Safranski erwähnt diesen Menschen kurz (fast beiläufig spekuliert Safranski, ob dieses verkrachte Genie den Schüler Nietzsche sogar sexuell mißbraucht habe), um dann demonstrativ gelassen im Text fortzufahren.

Der Name dieser 'persona non grata', dieses vermuteten blinden Flecks in Nietzsches Biographie lautet Ernst Ortlepp.

Nietzsche hatte diesen knapp sechzigjährigen Dichter und Privatlehrer und Gelehrten, der einst selbst hochbegabter Schüler (schon mit 14. Jahren übersetzte er Goethes Iphegenie ins Griechische) in Schulpforta gewesen war, vermutlich in den Gaststätten kennengelernt, die von den Pforteschülern aufgesucht wurden.

Ernst Ortlepp, der in den 1830er und 40er Jahren ein im gesamten deutschen Sprachraum bekannter, von der Zensur verfolgter Schriftsteller, Herausgeber, Shakesspeare und Byronübersetzer war, der Wagner persönlich kennengelernt hatte, galt in Naumburg und Umgebung schöließlich als ein heruntergekommenes, zeitweilig arbeits- sowie obdachloses und trinkendes Genie. Er hatte Goethe 1828 in Dornburg besucht. Dieser hatte in sein Tagebuch geschrieben: "Besuchte mich ein junger Mann namens Ortlepp aus Schkölen, dessen Geisteszustand ich bedauern mußte. Er zeigte schon früher ein gewisses poetisches Talent, hat sich aber in die ästhetisch-sentimentalen Grillen so verfitzt, daß er gar kein Verhältnis zur Außenwelt finden kann. Er ist schon 28 Jahre alt und gab mir zu peinlichen Betrachtungen Anlaß." Goethe denkt wohl an seine eigene Sturm- und Drang Periode und seine Auseinandersetzung mit der 'kranken Romatik'.

Die jungen Schüler scheinen sich jedenfalls von diesem genialen Kauz, in dem ein Kind steckte angezogen gefühlt zu haben, besonders der vaterlose Nietzsche, so scheint es.

Seit einem knappen Jahrhundert ist der Kontakt des Schülers mit Ortlepp gesichert. Im Juli 1864 schreibt Nietzsche an seinen Freund Pinder: "Der alte Ortlepp ist übrigens todt. Zwischen Pforta und Almrich fiel er in einen graben und brach den Nacken. In Pforta wurde er früh morgends bei düstrem Regen begraben; vier Arbeiter trugen den rohen Sarg; Prof. Keil folgte mit einem Regenschirm. Kein Geistlicher. Wir sprachen ihn am Todestag in Almrich.Er sagte, er gienge sich ein Logis im Saalethale zu miethen. Wir wollen ihm einen kleien Denkstein setzen; wir haben gesammelt; wir haben an 40 Thl." Die Schüler scheinen Ortlepp also bewundert zu haben.

Was hat Ortlepp dem Schüler Nietzsche beibringen können? Prof. Schmidt vermutet, daß er Nietzsche in mehreren Punkten Vorbild war:

1. Er bestätigte Nietzsche in dessen radikaler Distanz zum christlichen Glauben (Nietzsche betont im Brief, daß kein Geistlicher bei der Beerdigung anwesend war - wie übrigens später auch ihm selbst) und vermittelte ihm die Lebendigkeit der Antike.

2. Nietzsche machte mit einem neuem Selbstverständnis Bekanntschaft- der Dichter als Seher, der dionysische Zustände in Worte faßt.

3. An der mißglückten Vita Ortlepps wurde ihm deutlich, daß die gescheiterte Existenz des Außenseiters allein in der Maske eines 'ordentlichen' Lebenslaufs zu vermeiden sei.

Alles sind Vermutungen und die These Prof. Schmidt vom überragenden Einfluß Ortlepps gilt es in zwei Richtungen zu relativieren: Erstens, so zeigt u.a. der Schopenhauer-Enthusiasmus in Leipzig, war Nietzsche nicht undankbar gegen seine Vorbilder und warum sollte er also Ortlepp verschweigen? Zweitens scheint mir Prof. Schmidt psychologisch auf der falschen Fährte zu sein, wenn er Nietzsches geistige Entwicklung primär aus seiner Beziehung zu Ortlepp deuten will.

Die Forschung wird vielleicht nach der Erschließung der frühen Schriften noch einige neue Einsichten zutage fördern.

Mehr und Gutes über Ernst Ortlepp erfahren Sie bei Helmut Walther.