Naumburg und Nietzsche


Da sich die Stadt Naumburg nunmehr auch mehr und mehr "ihres größten Sohnes" besinnt, ist es an der Zeit, der Stadt von Nietzsches Jugend und seiner letzten Jahre in der Pflege der Mutter eine eigene Seite zu widmen. Dies umso mehr, als zu Nietzsches Geburtstag am 15. Oktober 2007 auf dem Holzmarkt zu seinen Ehren ein Denkmal eingeweiht wurde, das ich Ihnen hier zeigen möchte.
Neben aktuellen Ausstellungen im Nietzsche-Haus Naumburg wird die Planung zum neuen Domuentationszentrum in Naumburg vorgestellt.



Aktuelle Ausstellung vom 30.03.-01.11.2009 im Nietzsche-Haus Naumburg:
Herrenmensch und Übermensch - Nietzsche im Schatten des Dritten Reiches

Eine Ausstellung zum Umgang mit dem Werk des Philosophen Friedrich Nietzsche (1844-1900) in der Zeit des Nationalsozialismus wurde in Naumburg am 29.03.2009 eröffnet. Unter dem Titel "Herrenmensch und Übermensch - Nietzsche im Schatten des Dritten Reiches" werden bis 1. November rund 30 Objekte ausgestellt. Unter anderem werden Bücher, Fotografien und bebilderte Texttafeln gezeigt.

Die Mitteldeutsche Zeitung vom 29.03.2009 berichtet über die Ausstellungseröffnung unter dem Titel "Unbequeme Fragen und viel Raum zum Denken". Jana Kainz schreibt über die von Jens-Fietje Dwars als Kurator eingerichtete Ausstellung:
Während der Stadtrat über diese praktischen Dinge philosophierte, stellte Dwars eine Ausstellung über den Philosophen zusammen, die es inhaltlich in sich hat. Dwars umschrieb das allgemeine Dilemma: Zum einen gelte es, den wortreichen Nietzsche, der neben Luther als zweiter Sprachneuerer gilt, wörtlich zu nehmen. Zum anderen komme man angesichts des "Heeres an Metaphern" aus dem Interpretieren nicht heraus. Alte Fragen sollen aus verschiedenen Perspektiven neu überdacht werden. Denn nachdem Nietzsche mit seinen Reden von "Rasse", "Zucht" und den "Übermenschen" lange als Stichwortgeber Hitlers galt, folgte eine Renaissance des Philosophen, seit der dies vergessen scheint. So stellt er mit seiner Schau Fragen wie: "Hat Nietzsche diese Weißwaschung nötig?" "Und sind wir nicht auf dem Wege, ihn selbst wieder zu fälschen, uns ein sauberes Bild von einem Kuschel-Nietzsche zurechtzuschwindeln, den man bei jeder Gelegenheit zitieren kann?"
In drei Räumen thematisiert die Biologisierung in Nietzsches Denken; die Instrumentalisierung des Philosophen im "Dritten Reich" und den nach 1945 einsetzenden Streit um Nietzsche als Präfaschisten. Was er bringe, auch in Form von Exponaten, sei nichts Neues. Ebenso gibt es keine Antworten. Vielmehr soll die Schau Fragen stellen - unbequeme. Daher tritt der Besucher zwar noch nicht sehr viel gescheiter, aber viel nachdenklicher wieder auf die Straße.
Zu sehen ist die Ausstellung bis zum 1. November.

Den gesamten Bericht finden Sie hier im Internet.
Unter dem Titel "Was den Herrenmenschen am Übermenschen gefiel" bringt das Naumburger Tagblatt vom 19.05.2009 eine ausführliche Besprechung der diesjährigen Ausstellung im Nietzsche-Haus von Günter Kowa.
Siehe zum Thema auch meinen Text: Der Wille zur Macht: Nietzsche-Rezeption 1939

Unter dem Titel "Nietzsche-Macht-Größe" findet die Ausstellung zum Nietzsche Kongress vom 27. bis 30.08.2009 in Naumburg statt. Näheres mit dem diesem Link!


Neues Nietzsche-Dokumentationszentrum in Naumburg geplant
Nietzsche-Stiftung in Naumburg gegründet


Nach einem Bericht der Mitteldeutschen Zeitung vom 08.02.2008 unter dem Titel: "Nietzsche-Zentrum: Nun kommt der Bau - 1,3 Millionen Euro Fördergelder für ein anspruchsvolles Projekt" (Redakteurin: HELGA HEILIG) ist der Bau eines neuen Dokumentationszentrums im Weingarten neben dem Nietzsche-Haus so gut wie sicher.


Foto: MZ, Torsten Biel

Bereits in den 90er Jahren erwarb die Stadt Naumburg für eine sechsstellige Summe eine Sammlung von Sekundärliteratur zu Friedrich Nietzsche in den USA. Dort befindet sich die Sammlung immer noch. Sie soll im Nietzsche-Dokumentationszentrum untergebracht werden.
Vor sieben Jahren sollte laut Vorstellungen der Planer der Bau des Nietzsche-Zentrums rund 3,5 Millionen Mark kosten. Entstehen soll ein Besucherempfang, Bibliothek und Vortrags- sowie Ausstellungsraum.

Ab dem 15. April sollen hinter dem Nietzsche-Haus bereits archäologische Unbersuchungen beginnen, so dass der erste Spatenstich wohl im August dieses Jahres erfolgen kann.

Der WochenSpiegel berichtet am 21.04.208 vom Fortgang dieser Arbeiten:
Auch in das geplante Nietzsche-Dokumentationszentrum kommt Bewegung. Der künftige Bauplatz wurde bereits vom Wildwuchs befreit, die archäologischen Untersuchungen haben kürzlich begonnen. Zudem ist die Gründung einer Stiftung geplant, die langfristig das neu entstehende Dokumentationszentrum betreiben soll.

Die Mitteldeutsche Zeitung berichtet am 01.09.2008 in ihrer Druckausgabe wie im Internet über den Beginn der Bauarbeiten am neuen Dokumentationszentrum sowie über die am 07.09.2008 anstehende Gründung der Friedrich-Nietzsche-Stiftung, der die Betreibung der Gedenkstätte Röcken, des Nietzsche-Hauses in Naumburg und des neuen Nietzsche-Dokumentationszentrums übertragen werden soll. Bereits über 50 Stifter aus Deutschland und aller Welt haben Beiträge zu dieser Stiftung erbracht.
Die feierliche Gründungsversammlung der Friedrich-Nietzsche-Stiftung beginnt kommenden Sonntag, 07.09.2008 um 9 Uhr, im Naumburg-Haus. Nach der Begrüßung der Gäste wird Steffen Dietzsch (Berlin) einen Vortrag mit dem Titel "Zarathustra - Geist in geistloser Zeit" halten. Gegen 12 Uhr gibt Naumburgs Oberbürgermeister Bernward Küper einen Empfang. Dabei stellt sich das neu gewählte Direktorium und der Stiftungsrat der Friedrich-Nietzsche-Stiftung vor.

Die Mitteldeutsche Zeitung vom 05.09.2008 berichtet weiter, dass nunmehr die benötigten 50.000 € des vorgesehenen Kapitalstocks von 3 Mio. € beisammen seien. «Wir planen, dass wir das Gebäude im Frühjahr 2010 übergeben werden», sagt der Naumburger Oberbürgermeister Bernward Küper (CDU). Anfang Oktober sollen die Hochbauarbeiten beginnen. Die Kosten von rund drei Millionen Euro tragen die Kommune, das Land und zum überwiegenden Teil die Europäische Union. In einem Architekten-Wettbewerb gewann schon im Jahr 2001 der Entwurf des Weimarer Büros Kirchmeier Graw Brück.
Kernstück ist die von der Stadt Naumburg angekaufte Bibliothek des US-amerikanischen Germanisten Richard Frank Krummel. «Es ist die vermutlich größte private Sammlung zur Nietzsche-Rezeption im 20. Jahrhundert», sagt Eichberg. Seit 1946 habe Krummel rund 7000 Bände und unzählige Zeitungsartikel aus dem deutschsprachigen Raum zusammengetragen, die sich mit Leben und Werk des Philosophen auseinandersetzen.

Das Naumburger Tageblatt/Mitteldeutsche Zeitung vom 08.09.2008 berichtet über die Ergebnisse der Nietzsche-Tagung in Naumburg bom 5.-7. September 2008; danach wurde der Stiftungsrat der Friedrich-Nietzsche-Stiftung sowie dessen Direktorium gewählt. Vorsitzender des Direktoriums wurde Dr. Andreas Urs Sommer, dem weiter Prof. Dr. Renate Rescke und Ralf Eichberg angehören. Vorsitzender des Stiftungsrates ist der Naumburger Oberbürgermeister Bernward Küper, von dem vorgesehenen Stiftungskapital in Höhe von 3 Mio. € wurden von den bis jetzt beteiligten Stiftern aus aller Welt bereits 350.000.- € aufgebracht.

Die Mitteldeutsche Zeitung vom 07.10.2008 berichtet im Internet über den "Masterplan auf dem Weg von der Idee zur Umsetzung".

Die Mitteldeutsche Zeitung vom 22.10.2008 berichtet im Internet sowie in ihrer gedruckten Ausgabe über die Grundsteinlegung zum Dokumentationszentrum in Naumburg.

" ...Das Gebäude aus Holz und Glas wird Magazinräume sowie Platz für Ausstellungen und Lesungen bieten. Außerdem wird es Arbeitsräume für Wissenschaftler und Studenten sowie Büros geben. Kernstück ist die von der Stadt Naumburg für rund 150 000 Euro angekaufte Bibliothek des US-amerikanischen Germanisten Richard Frank Krummel. Seit 1946 hatte Krummel rund 7000 Bände, darunter wertvolle Erstausgaben von Nietzsches Werken sowie unzählige Zeitungsartikel über Nietzsche zusammengetragen."

"... Bis Ende Februar 2009 werden sie die Mauern des knapp drei Millionen teuren Gebäudes hochziehen. Finanziert wird es mit Geldern aus der Europäischen Union, dem Städtebau-Fördertopf des Bundes und des Landes Sachsen-Anhalt sowie einem Eigenanteil der Stadt."

Die Mitteldeutsche Zeitung vom 19.12.2009 bringt einen Überblick über den bisherigen Baufortschritt, aus dem man auch die genaue Lage des Dokuzentrums zum Nietzsche-Haus ersehen kann.


Ralf Eichberg in der Mitteldeutschen Zeitung vom 19.01.2009 über die Aufgaben des Dokuzemtrums:

Schaltzentrale des Geistes
Ralf Eichberg erläutert das Modell des Nietzsche-Zentrums. Drei Stockwerke soll der elegant geometrisch in Holz und Beton ausgeführte, von einer Glashülle gefasste Bau zählen. Das Archiv im Untergeschoss, darüber das Foyer mit Café und Laden, im ersten Obergeschoss Büros und Sonderausstellungen, ein Vortragssaal obenauf. 2,7 Millionen Euro kostet der öffentlich finanzierte Bau, der 2010 vollendet sein soll. Dieser ist der erste Nietzsche gewidmete Zweckbau nach der von 1937 bis 1939 von Paul Schultze-Naumburg angelegten, unvollendet gebliebenen Nietzsche-Gedächtnishalle in Weimar. Selbstverständlich sei der Neubau ein Glücksfall, bestätigt Eichberg. Künftig sollen von diesem Haus aus die regionalen Aktivitäten in Sachen Nietzsche gesteuert werden: die Arbeit der Museen und Gedenkstätten in Röcken, Naumburg und Schulpforte sowie die Vorhaben von Forschung und Bildung: Nietzsche-Kongresse, Nietzsche-Werkstatt Schulpforta, Jahrbuch für Nietzsche-Forschung, die Arbeit des Dokumentationszentrums. Die buchstäbliche Basis des Zentrums bildet die von 1946 an zusammengetragene Nietzsche-Sammlung des 1925 in Buffalo (New York) geborenen Germanisten Richard F. Krummel, die größte Privatsammlung zur Rezeption des Denkers, die sämtliche Druckwerke von und über Nietzsche bieten will. Von der Stadt Naumburg für 150 000 Euro angekauft, soll die Sammlung vor Ort nicht nur fortgeführt, sondern um Filme, Tonträger, Kunstwerke erweitert werden, ein unbedingt nützlicher Einsatz.


Stand der Bauarbeiten im August 2009

09.01.2009: Bundeskulturstiftung fördert Nietzsche-Stiftung



Das neue Nietzsche-Denkmal in Naumburg


Inzwischen sind mir von Herrn Brückl aus Bad Kösen - dem dafür mein herzlicher Dank gilt! - sehr gelungene Fotografien des neuen Naumburger Denkmals zugegangen, die ich Ihnen hier zugänglich machen kann, so dass es nun möglich ist, sich einen eigenen Eindruck davon zu verschaffen.
Ob die "maßvolle Würde" Nietzsches (so Kai Agthe in seiner Würdigung unten) wirklich gut mit der selbstbewusst-herausfordernden Fragehaltung des Mädchens aus dem 21. Jahrhundert korrespondiert? Für mich eher nicht - ich hätte mir bei dieser "Bild-Idee" dann doch lieber keinen ikonisierten "leidenden Nietzsche" gewünscht, wie er dieser Darstellung doch wohl zugrunde liegt, sondern eher den mit dem Hammer philosophierenden Herausforderer der herrschenden Moral und Kultur, etwa so, wie ihn seine Lieblings- und oft versandten Fotografien zeigen.

Durch Anklicken der kleinen Bilder können Sie sich weitere Fotografien aus verschiedenen Blickwinkeln ansehen.



Hier der Bericht des WOCHENSPIEGEL im Internet über die Denkmalseinweihung:

Wochenspiegel > Naumburg > Bericht vom 16.10.2007

Einweihung des Nietzsche-Denkmals

Skulpturen auf dem Naumburger Holzmarkt enthüllt


Auf dem Naumburger Holzmarkt wurde am Montag das Nietzsche Denkmal enthüllt.
Geschaffen hat es der Magdeburger Künstler Dr. Heinrich Apel (l). Foto: Nowotka

Naumburg (red). "Nietzsche ist ein Pfund, mit dem man wuchern kann. Wir in Naumburg haben das noch nicht so ganz begriffen, so schein mir." Diese Worte kamen von Dr. Curt Becker, der als Vertreter der Broche-Stiftung die Einführungsrede hielt. Nietzsche, in Röcken geboren, in Naumburg und Schulpforta aufgewachsen, gehört zu den großen Denkern des europäischen Geisteslebens. Er gilt heute als Klassiker der Philosophie, so Becker. Was fehle, das wäre eine Stätte der Erforschung seines Leben und seiner Werke. Welcher Ort würde sich besser anbieten als Naumburg. Die Stadt hatte sich nach der Wende dem Gedenken Nietzsches angenommen, 1992 das Gebäude Weingarten käuflich erworben und zu einem Museum ausgebaut. Die später hinzu gekauften Flurstücke sollten die Möglichkeit bieten, ein Nietzsche-Dokumentationszentrum zu errichten. Heute verdeckt ein Bauzaun das Grundstück, das auf bessere Zeiten hofft. "Das ist kein Vorwurf", wollte Becker verstanden wissen. Es ist aber ein Hinweis, dass ein Vorhaben noch auf seine Umsetzung harrt. Genau am 137. Geburtstag Nietzsches gibt es nun ein Denkmal des Philosophen auf dem Naumburger Holzmarkt unweit des Hauses im Weingarten, in dem Nietzsche in seinem Krankheitstagen mehrere Jahre von seiner Mutter gepflegt wurde. Geschaffen hat es der Magdeburger Künstler Dr. Heinrich Apel, der u.a. von vielen Arbeiten im Dom – die Jacobsleiter an der Tür zum Domschatzgewölbe, aber auch die Handläufe zu den Aufgängen zum Ostchor – bekannt ist. Die Broche-Stifung übernahm mit der Bereitstellung von 30 000 Euro den Eigenmittelanteil der Stadt Naumburg.


Auch das Naumburger Tageblatt berichtet in seiner Ausgabe vom 16. Oktober 2007 ausführlich über die Denkmalsenthüllung mit verschiedenen Fotos von Hans-Dieter Speck.



Der Holzmarkt in Naumburg vom Weingarten her gesehen, sehr schön restauriert, aber 14 Tage vor der Enthüllung noch ohne Denkmal ... (Foto: HW)



Blick vom Nietzsche-Haus Weingarten 18 zum Holzmarkt (Foto: HW)



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Einen weiteren großformatigen und ausführlichen Bericht brachte das Naumburger Tageblatt mit weiteren Fotos von Hans-Dieter Speck; so wird begründet, warum die Stadt Naumburg ihrem "größten Sohn" ein Denkmal setzte, und auch die Intentionen des Bildhauers Dr. Heinrich Apel werden angesprochen, von denen er sich bei der Gestaltung des Denkmals leiten ließ: Einen "Dialog der Neugier" nennt er die Grundidee seines Werkes. Auch die Fortschritte zum Neubau eines Nietzsche-Dokumentationszentrums in Naumburg werden erläutert.

Zugegeben, aus den veröffentlichten Bildern lässt sich noch nicht viel darüber sagen, ob dies Naumburger Denkmal besser gelungen ist als etwa dasjenige in Röcken ... - aber wichtig und richtig scheint mir zunächst schon allein die Tatsache, dass sich die Naumburger doch immer stärker auf ihren weltberühmten Sohn besinnen.




Die Thüringische Landeszeitung brachte am 2. November 2007 einen weiteren Bericht von Kai Agthe

Quelle: Internet

Thüringische Landeszeitung

Der Philosoph und das Mädchen

01.11.2007 Von Kai Agthe

Die Stadt Naumburg ehrt Nietzsche: "Dialog der Neugier" hat der Magdeburger Bildhauer Heinrich Apel seine Skulptur genannt, die den Philosophen und ein Mädchen zeigt. Foto: Agthe

Naumburg. (tlz) Pünktlich zum 150. Geburtstag von Friedrich Nietzsche (1844-1900) wurde im Oktober 1994 das Nietzsche-Haus in Naumburg seiner Bestimmung übergeben. Seither informiert das kleine Museum am Weingarten 18 in Wort und Bild über das bewegte Leben dieses faszinierenden Denkers, der hier prägende Kindheitsjahre verbrachte und in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts auch als Kranker von seiner Mutter gepflegt wurde.

Den diesjährigen 163. Geburtstag des berühmtesten Naumburgers nahm man zum Anlass, auf dem nur wenige Schritte vom Nietzsche-Haus entfernten Holzmarkt ein aus zwei Figuren bestehendes Bronzedenkmal zu enthüllen. Zu sehen ist Friedrich Nietzsche, der auf einem Stuhl sitzt und ein Buch in Händen hält, das ihm auf die Knie gesunken ist. Den Kopf leicht zur Seite gedreht, scheint er über das soeben Gelesene nachzudenken. Neben ihm steht ein Mädchen, das, die Arme keck in die Seite gestemmt, den Denker mit einer Mischung aus Neugier und Skepsis betrachtet. Der sitzende Nietzsche mit den über das Postament gestreckten Beinen scheint die junge Dame nicht wahrzunehmen. Er ist etwa lebensgroß, schlanker als das historische Original und mit einem Mantel bekleidet.

Einen "Dialog der Neugier" hat der Bildhauer Heinrich Apel aus Magdeburg seine Skulptur genannt. Der Künstler ist in Naumburg seit vielen Jahren präsent: Schon in den 70er und 80er Jahren hat er zwei bronzene Handläufe für den Ostchor des Domes kreiert, die wegen ihres Humors die Besucher erfreuen. Vor zwei Jahren folgte eine Bronzetür, die Jakobsleiter darstellend, für das Domschatzgewölbe.

Finanziert wurde das Denkmal zu Friedrich Nietzsche vom Bund, dem Land und der Broche-Stiftung. Letztere übernahm den Anteil der Stadt von dreißigtausend Euro. Curt Becker, Ex-Oberbürgermeister und Justizminister Sachsen-Anhalts a. D., hatte das Projekt in den letzten Jahren forciert. In den Worten, die er zur Enthüllung sprach, gab Becker seiner Hoffnung Ausdruck, dass in naher Zukunft auch das seit 2001 in Planung begriffene Dokumentationszentrum neben dem Nietzsche-Haus realisiert werden möge, um hier auch Nietzsche-Forschung zu etablieren.

Ein erster gelungener Versuch, Nietzsche nach 1989/90 skulptural zu würdigen, stammt von Klaus Friedrich Messerschmidt. Der in Halle lebende Künstler schuf für den Kirchhof in Röcken, Nietzsches Geburtsort, im Jahre 2000 eine unkonventionelle und ergreifende Figurengruppe. Nietzsche und Mutter, die vor der reproduzierten Grabplatte des Denkers stehen, sind dort zu sehen. Durch beide verläuft ein Riss. An den Längsseiten sieht man noch zwei Nietzsches, und zwar nackt, nur mit Sonnenbrille und Bowler ausstaffiert, den sie sich vors Geschlecht halten.

Messerschmidts Grundidee war ein Traum Nietzsches, mitgeteilt in einem der letzten Briefe, die er vor Ausbruch seiner geistigen Umnachtung in Turin schrieb. In dem heißt es, er, Nietzsche, sei zweimal bei seiner eigenen Beerdigung zugegen gewesen. Für Messerschmidts und Apels wundervolle Arbeiten gilt: Beide Denkmale überzeugen durch ihre menschlich-allzumenschliche Dimension. In Röcken steht, in Naumburg sitzt kein Übermensch, kein personifizierter Wille zur Macht. Im Gegenteil, es herrscht maßvolle Würde.



Dass die Naumburger ihren großen Mitbürger bereits fest in ihr Herz geschlossen haben, mag der gelungene Schnappschuss von Hans-Dieter Speck aus der Mitteldeutschen Zeitung vom 17.11.2008 zeigen; wie sich diese "Umarmung" aber mit der von Kai Agthe angesprochenen "maßvollen Würde" verträgt, ist sicher eine andere Frage.


Ausstellung 2008 im Nietzsche-Haus:
125 Jahre Zarathustra - "Vergiss die Peitsche"

Unter dem Titel "Ohne Peitsche und lähmende Strippen berichtete die Mitteldeutsche Zeitung/Naumburger Tagblatt von der Eröffnung dieser Ausstellung, die Dr. Jens Fietje Dwars als Kurator betreut. Gezeigt werden unter vielem anderen eine 70 Jahre alte Zarathustra-Darstellung von Georg Kolbe, ein Fries des Künstlers Dieter Weidenbach sowie Prachtausgaben des "Zarathustra". Dazu gibt es Informationen zu den Frauen in Nietzsches Leben. Auch die "Zarathustra-Rede" von Thomas Mann von 1947 (Zitate dazu auf dieser Website) kann abgehört werden.

Die Austellung in Naumburg ist geöffnet vom 6. April bis zum 31. Oktober 2008, weitere Hinweise finden Sie auf der entsprechenden Website des Naumburger Nietzsches-Hauses.

Kai Agthe, der Kurator des Nietzsche-Hauses, geht in einem ausführlichen Artikel der Thüringer Landeszeitung vom 09.05.2008 (Quelle: TLZ.de vom 12.05.2008) auf diese Ausstellung sowie auf verschiedene Aspekte von "Nietzsche in Naumburg", die auch hier angesprochen werden, ein. Anlass ist ihm der Bezug des Hauses Weingarten 18 durch die Familie Nietzsche vor genau 150 Jahren - unter dem Titel "Prophet, Peitsche und Projekt: Naumburgs Nietzsche-Haus" schreibt er:

"Vor genau 150 Jahren zog Friedrich Nietzsche (1844-1900) mit Mutter und Schwester in das Haus Weingarten Nr. 18. in Naumburg. 1858 ist auch das Jahr, in dem er in die Landesschule Pforta aufgenommen wurde, die ihn zu dem machte, der er war. 1890 kam der geistig umnachtete Philosoph nach Naumburg zurück. Bis zu ihrem Tod 1897 pflegte Franziska hier ihren Sohn, der für sie nicht der Antichrist, sondern stets ihr „Herzensfritz“ war. In ihren Briefen an Franz Overbeck, 1937 als Buch veröffentlicht, hat sie von ihrem und des Kranken Alltag ausführlich berichtet. Elisabeth Förster-Nietzsche, die in Weimar lebte, verkaufte das Haus 1899. So blieb das Gebäude mit der klassizistischen Fassadengestaltung vom unappetitlichen Nietzsche-Kult der dreißiger Jahre unberührt.
Allein eine Tafel erinnert seit 1919 an den berühmten Bewohner des Hauses. Die Naumburger haben es dem Theologen Reiner Bohley (1941-1988) zu verdanken, dass der Schriftzug erhalten blieb. Dank seiner Zivilcourage gelang es ihm in den siebziger Jahren, die Tafel vor staatlicher Bilderstürmerei zu bewahren. Sie war bis zur Wende der einzige Hinweis auf Nietzsche in Naumburg.
Seit 1994 ist das Gebäude ein Museum, in dem in Wort und Bild über die tragische Biografie des berühmten Philosophen informiert wird."

Den gesamten Artikel finden Sie unter dem bei der TLZ im Internet (s. oben).

Über die Veranstaltung zum Ende dieser Ausstellung berichtet Hans Dieter Speck am 3.11.2008 in der Mitteldeutschen Zeitung


Aus dem Weidenbachschen Lebensfries im Naumburger Nietzsche-Haus:
Nietzsche in Naumburg (Bildmitte) zwischen Turin und Tod.
FOTO: HANS-DIETER SPECK (Foto: MZ)
MZ vom 04. November 2008



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Letzte Aktualisierung dieser Seite: 09.01.2010


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